Manchmal komme ich mir in diesen Tagen vor wie bei einer besonders langen Autofahrt. Vorn sitzen die Eltern, hinten die Kinder. Die Kinder langweilen sich. Sie wollen nicht mehr sitzen. Regelmäßig fragen sie die Eltern: „Sind wir bald da?“ Die Eltern sind selbst angestrengt von der langen Reise, aber sie müssen sich zusammenreißen, um die Situation nicht zu eskalieren. Je länger die Reise dauert, desto weniger erträglich wird es für alle Beteiligten. Ich selbst spiele in dieser kleinen Szene übrigens abwechselnd alle Rollen. Ich bin das Auto, das beständig weiterfährt. Der Motor läuft, ich tue meine Arbeit. Ich bin die Kinder, die quengeln und endlich ankommen wollen. Ich bin die Eltern, die versuchen, die Situation unter Kontrolle zu halten. Und wenn ich Ihnen schreibe, bin ich das Straßenschild am Rande, das sagt, dass man immerhin unterwegs zum Ziel ist.

Darum also: Wir sind auf dem Weg. Anders als in der beschriebenen Szene haben wir sehr unterschiedliche Wege bis zum Ende der Pandemie. Sie können durch Krankheit führen, durch Einsamkeit, durch Verlust von Arbeit oder lieben Menschen. Sie führen auch durch schöne Zeiten, voll Besinnung, Konzentration und Kreativität. So unterschiedlich unsere Wege auch sind, so sind wir doch gemeinsam unterwegs, und das bedeutet, dass von uns ein hohes Maß an Solidarität gefordert ist, gerade jetzt, wo die Impfungen beginnen. Wer es nötiger hat als andere, muss auch eher drankommen. Länder, die reicher sind als andere, dürfen sich ebenfalls nicht vordrängeln. Durch die Krise müssen wir alle gemeinsam durch, nicht eine Person, eine Familie, ein Dorf, ein Land, ein Staat oder ein Kontinent.

Ich habe darum für diese Woche einen Bibeltext ausgesucht, in dem es um solidarisches Handeln geht. Genauer gesagt geht es darum, dass Paulus seine Gemeinde in Korinth um eine möglichst großzügige Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem bittet.

Ich meine aber dies: Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen. Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk; wie geschrieben steht: „Er hat ausgestreut und den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.“ Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit. (2. Korinther 9,6–10)

Die Leute in Korinth stehen finanziell anscheinend deutlich besser da als in Jerusalem. Paulus spricht im vorhergehenden Kapitel vom „Überfluss“ der Gemeinde in Korinth. Paulus macht deutlich, dass es selbstverständlich ist, die Geschwister zu unterstützen. Gleichzeitig will er es nicht als Pflicht verstanden wissen, einander zu helfen, sondern als fröhliche Selbstverständlichkeit. Er benutzt das Bild einer Saat und Ernte, um deutlich zu machen: Je mehr man jetzt einsetzt, desto größer wird die Freude werden, wenn die Zeit reif ist.

Das ist ein ausgesprochen passender Aufruf für unser noch frisches Jahr. Besonders schön klingt der Satz „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“. Das bedeutet freilich nicht, dass Gott alle anderen nicht liebhätte, aber ich kann mir die Freude Gottes über all diejenigen vorstellen, die fröhlich dabei sind, wenn sie anderen etwas Gutes tun. Paulus gibt auch einen Hinweis darauf, woher diese Fröhlichkeit kommen kann. Man kann sich als Teil von etwas Großem verstehen. Immer wieder benutzt er in seinen Briefen das Bild des einen Leibes mit den vielen Gliedern. Alle gehören zusammen, wenn ein Teil leidet, leiden alle. Geht es allen gut, sind alle glücklich. Und alle zusammen sind der Körper Christi.

Paulus spricht nicht von Solidarität. Sein Wort lautet Gerechtigkeit. Für Paulus steht fest, dass Gott Gerechtigkeit will und sich an ihr freut. Wer sich also zu Gottes Leuten zählt, kann sich mitfreuen, wenn es den anderen gut geht. Man kann selbst fröhlich werden, wenn man anderen den Vortritt lässt. Man kann die Freude der anderen, denen man etwas abgibt, in sich selbst spüren. Weil Gerechtigkeit und Solidarität gut sind, machen sie gute Laune. So einfach kann es sein.

Meine Wochenaufgabe für Sie ist darum diesmal auch sehr simpel. Wenn Sie Nachrichten hören und es wird gesagt, wie viele Menschen mittlerweile geimpft wurden, freuen Sie sich! Freuen Sie sich für jede einzelne Person, die jetzt in der Lage ist, der Pandemie Widerstand zu leisten! Spüren Sie, wie Sie ein Teil von etwas Großem sind und haben Sie Freude daran.

Mit solidarischen und fröhlichen Grüßen! Ihr Frank Muchlinsky

Frank Muchlinsky ist Pastor. Er arbeitet bei evangelisch.de und schreibt jede Woche einen Zuversichtsbrief in Zeiten der Pandemie.