Gerne stelle ich mir vor, wie wir eines Tages aufwachen und der ganze Spuk ist vorbei. Dann schauen wir uns alte Fotos an und schmunzeln über die bunten Masken, die wir tragen. Wir gehen wieder unbeschwert ins Restaurant oder auf Konzerte. Und beim Nase putzen schauen wir nicht verschämt um uns. In unseren Kirchengemeinden blüht das Leben: Gemeindefest, Geburtstagsbesuch zuhause und in den Gottesdiensten rücken wir die Stühle zusammen, damit jeder einen Platz findet.

Eines Tages werden wir aufwachen und der Spuk ist vorbei.
Das hofften vor mehr als 2400 Jahren wohl auch die Menschen, die aus ihrer Heimat Jerusalem ins ferne Babylon verschleppt wurden und nun an den Wassern zu Babel sitzen und weinen. Sie vermissen ihr altes Leben. Sie wollen heim. Mit einem Brief aus Jerusalem flammt ihre Hoffnung auf. Vielleicht kommt jetzt die erlösende Nachricht. Doch weit gefehlt. Der Prophet Jeremia, als Verfasser des Briefes, fordert die Verzweifelten auf, noch lange Geduld zu haben und sich in der Krise einzurichten. „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn, denn wennˋs ihr wohl geht, dann gehtˋs euch auch wohl“ (Jeremia 29,7) – so der Monatsspruch Oktober.

Mir kommen Nachrichten und Gesprächsfetzen in den Sinn wie: „Der Virus wird uns noch lange begleiten“ und „Wir brauchen Durchhaltekraft“. 

Also wohl doch keine schnelle Rückkehr zum gewohnten Leben… Das ist bitter! Regelrecht zum Verzweifeln!

„Nein“ sagt Jeremia. „Das ist nicht zum Verzweifeln. Nicht, wenn ihr das Beste aus der Situation macht. Und am besten schaut ihr danach, was den Anderen hilft. Wenn es ihnen gut geht, dann wird es auch euch gut gehen.“ Ähnliches hören wir täglich in den Nachrichten. Wenn Virologen nicht müde werden, uns die AHA-Regeln (Abstand-Hygiene- Alltagsmaske) zu erklären und Politiker – je nach Infektionsgeschehen – Vorsichtsmaßnahmen auferlegen oder lockern, dann ist ihre Botschaft dahinter eine ähnliche: „Nehmt den Virus ernst und die Situation an, wie sie ist. Am besten, indem ihr Sorge tragt, dass ihr niemanden gefährdet. Helft, wo ihr helfen könnt, aber bitte mit Abstand.“

Diese Zeit – sie geht an unsere Substanz und die Anspannung wächst mit jedem Tag. Auch für uns Mitarbeitende und Ehrenamtliche in den Gemeinden. Wir trauern den „alten“ Zeiten nach. Vieles mussten und müssen wir absagen. Das schmerzt. Doch es bringt nichts, wenn wir uns in Trauer verlieren. Nach vorne sollten wir schauen, das Beste suchen und überlegen, was trotz Corona möglich ist.

Jede Krise hat ihre Chancen und mancher Trendforscher sieht unsere Gesellschaft an einem Punkt, an dem die Zukunft die Richtung ändert. Nicht zum Schlechteren.

Verzicht bedeutet nicht immer gleich Verlust. Denken wir an die langen Telefonate oder die „echten“ Briefe, die uns plötzlich so wichtig wurden, während vorher eine WhatsApp-Nachricht genug sein musste.
Vielleicht spüren wir – wenn der Spuk vorbei ist – neben der Erleichterung auch einen Hauch von Sehnsucht danach, etwas von dem zu bewahren, was wir an positiven Erfahrungen aus der Krise mitgenommen haben.

Jeremias Brief endet mit dem tröstlichen Gedanken, dass die Katastrophe nicht ewig dauern wird. Und so erzählt die Bibel, dass viele Jahre später die Menschen wieder die Möglichkeit hatten, in ihre Heimat Jerusalem zurückzukehren. Doch viele wollten es gar nicht. Neue Generationen waren herangewachsen, die längst in der Fremde heimisch waren und neue Wege fanden, ihren Glauben zu leben.
Das religiöse Leben blühte. Rückblickend war das Exil in Babylon für die Menschen ein Neuanfang.

Und so wünsche ich uns , dass wir weiterhin mit unseren Möglichkeiten das Beste aus allem machen, indem wir die Anderen im Blick behalten und uns für ihr Wohl einsetzen. Vielleicht finden wir auch ganz neue Wege, unsere religiöse Gemeinschaft zum Blühen zu bringen. Und wo wir an unsere Grenzen stoßen, können wir das im Gebet vor Gott bringen. Und darauf vertrauen, dass Gott den Weg mit uns geht, uns leitet und in der Krise begleitet.